Marktbasierte vs. standortbasierte Scope 2 Emissionen erklärt

Was ist der Unterschied – und warum die Wahl für CO₂-Bilanzierung, Datenkonsistenz und die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung entscheidend ist

Warum Scope 2 Berechnungsmethoden wichtiger sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen

Scope 2 Emissionen gelten häufig als einer der einfacheren Bestandteile der CO₂-Bilanzierung. Strom wird verbraucht, Emissionsfaktoren werden angewendet, und das Ergebnis wird als indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie berichtet.

In der Praxis hängen Scope 2 Berechnungen jedoch stark davon ab, wie strombezogene Emissionen definiert und zugeordnet werden. Die Unterscheidung zwischen marktbasiertem (market-based) und standortbasiertem (location-based) Scope 2 ist hierfür ein zentrales Beispiel.

Obwohl beide Methoden etabliert und weit verbreitet sind, beantworten sie unterschiedliche Fragestellungen und können – selbst bei identischem Stromverbrauch – zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen führen. Scope 2 ist eine der drei Standardkategorien der CO₂-Bilanzierung neben Scope 1 und Scope 3, die ausführlicher in Was sind Scope 1, Scope 2 und Scope 3 Emissionen? erläutert werden.

Mit steigenden Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung und wachsender Erwartung an Transparenz wird das Verständnis des Unterschieds zwischen marktbasiertem und standortbasiertem Scope 2 zunehmend essenziell. Nicht weil eine Methode „besser“ ist als die andere, sondern weil Scope 2 Berechnungen Teil einer umfassenden CO₂-Bilanz sind, in der Konsistenz, Dokumentation und Datenqualität maßgeblich über die Glaubwürdigkeit der ausgewiesenen Emissionen – und der darauf basierenden Entscheidungen – entscheiden. Mehr dazu in Was ist CO₂-Bilanzierung – und warum sie für gute Entscheidungen wichtig ist.

Key
Takeaways

  • Marktbasiertes und standortbasiertes Scope 2 beantworten unterschiedliche Fragestellungen
  • Keine der beiden Methoden ist grundsätzlich genauer als die andere
  • Die ausgewiesenen Scope 2 Emissionen können je nach gewählter Methode stark variieren
  • Konsistenz und Dokumentation sind wichtiger als das niedrigste Ergebnis

Warum es zwei Methoden zur Berechnung von Scope 2 gibt

Elektrizität unterscheidet sich von vielen anderen Emissionsquellen. Sie wird zentral erzeugt, über gemeinsame Netzinfrastruktur transportiert und lokal verbraucht. Entsprechend lassen sich die mit dem Stromverbrauch verbundenen Emissionen nicht mit einem einzigen universellen Emissionsfaktor beschreiben.

Um dieser Komplexität gerecht zu werden, unterscheidet die CO₂-Bilanzierung zwei komplementäre Ansätze:

  • eine standortbasierte Methode, die die durchschnittliche Emissionsintensität des Stromnetzes am Verbrauchsort widerspiegelt
  • eine marktbasierte Methode, die vertragliche Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Stromeinkauf abbildet

Beide Ansätze sind in anerkannten Rahmenwerken wie dem Greenhouse Gas Protocol definiert. Sie stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern liefern unterschiedliche Perspektiven auf strombezogene Emissionen.

Was ist standortbasiertes Scope 2?

Wie werden standortbasierte Scope 2 Emissionen berechnet?

Standortbasiertes Scope 2 wird anhand durchschnittlicher Emissionsfaktoren des Stromnetzes in einem bestimmten geografischen Gebiet berechnet. Diese Faktoren spiegeln in der Regel den Energiemix der jeweiligen Region oder des Landes wider.

Der Stromverbrauch wird mit dem entsprechenden durchschnittlichen Netz-Emissionsfaktor multipliziert, um die CO₂e-Emissionen zu ermitteln.

Was stellt standortbasiertes Scope 2 in der Praxis dar?

Standortbasiertes Scope 2 bildet die physische Realität der Stromerzeugung und -versorgung ab. Es zeigt die Emissionsintensität des Stromsystems, an das eine Organisation angeschlossen ist – unabhängig von individuellen Beschaffungsentscheidungen.

Diese Methode eignet sich insbesondere, um die Abhängigkeit von regionalen Energiesystemen zu verstehen und langfristige Entwicklungen im Zuge der Dekarbonisierung der Stromnetze zu analysieren.

Wann wird standortbasiertes Scope 2 typischerweise verwendet?

Standortbasiertes Scope 2 wird häufig eingesetzt für:

  • die Festlegung von Basisjahren
  • den Vergleich von Emissionen zwischen Standorten oder Regionen
  • die Analyse langfristiger Trends in der Emissionsintensität der Stromnetze

Da die Methode auf standardisierten Emissionsfaktoren basiert, unterstützt sie die Vergleichbarkeit zwischen Organisationen innerhalb derselben Geografie.

Was ist marktbasiertes Scope 2?

Wie werden marktbasierte Scope 2 Emissionen berechnet?

Marktbasiertes Scope 2 wird anhand von Emissionsfaktoren berechnet, die mit vertraglichen Instrumenten für den Stromeinkauf verknüpft sind. Dazu zählen unter anderem lieferantenspezifische Emissionsfaktoren, korrekt eingesetzte Energieattribut-Zertifikate oder Herkunftsnachweise – abhängig von Marktstruktur und Datenverfügbarkeit.

Der Stromverbrauch wird den Emissionsmerkmalen der vertraglich beschafften Stromlieferung zugeordnet, sofern die eingesetzten Instrumente definierte Qualitätskriterien erfüllen.

Was stellt marktbasiertes Scope 2 in der Praxis dar?

Marktbasiertes Scope 2 spiegelt Beschaffungs- und Sourcing-Entscheidungen wider und nicht die physikalischen Stromflüsse. Es zeigt, wie eine Organisation Strom über Verträge und Liefervereinbarungen einkauft.

Daher wird marktbasiertes Scope 2 häufig genutzt, um die Wirkung von Strategien zur Beschaffung erneuerbarer Energien und die Auswahl von Stromlieferanten darzustellen.

Häufige Missverständnisse

Rund um marktbasiertes Scope 2 treten häufig Missverständnisse auf, darunter:

  • die Annahme, dass marktbasierte Ergebnisse automatisch null sind
  • unvollständige oder inkonsistente Abdeckung durch Zertifikate
  • Änderungen von Lieferanten oder Verträgen, die zu jährlichen Schwankungen führen

Ohne klare Dokumentation sind marktbasierte Scope 2 Ergebnisse oft schwer nachvollziehbar und reproduzierbar.

Was ist der Unterschied zwischen marktbasiertem und standortbasiertem Scope 2?

Der zentrale Unterschied zwischen den beiden Methoden liegt darin, was sie abbilden sollen:

  • Standortbasiertes Scope 2 spiegelt die durchschnittliche Emissionsintensität des lokalen Stromnetzes wider
  • Marktbasiertes Scope 2 bildet vertragliche Entscheidungen zur Strombeschaffung ab

Beide Methoden basieren auf demselben zugrunde liegenden Stromverbrauch, führen jedoch häufig zu unterschiedlichen Ergebnissen – insbesondere in Märkten mit weit verbreitetem Einsatz von Zertifikaten und erneuerbaren Stromverträgen.

Keine der beiden Methoden ersetzt die andere. Sie liefern vielmehr zwei komplementäre Perspektiven für Analyse und Berichterstattung.

Welche Scope 2 Methode sollten Organisationen anwenden?

Berichtserwartungen und gängige Praxis

Viele Berichtsrahmen empfehlen, sowohl marktbasiertes als auch standortbasiertes Scope 2 zu berechnen und offenzulegen, sofern entsprechende vertragliche Instrumente verfügbar sind. Dieser Ansatz wird häufig als Dual Reporting bezeichnet.

Das Greenhouse Gas Protocol definiert beide Methoden und unterstützt diesen dualen Ansatz, da er sowohl Einblicke in die physische Wirkung des Stromnetzes als auch in die Auswirkungen von Beschaffungsentscheidungen ermöglicht. Auch wenn Dual Reporting nicht in allen Fällen verpflichtend ist, gilt es weithin als Best Practice, sofern die erforderlichen Daten vorliegen.

Im europäischen Kontext erhöhen die Anforderungen der CSRD, einschließlich ESRS E1, den Fokus auf Transparenz, Nachvollziehbarkeit und methodische Klarheit. In der Praxis wird von vielen Organisationen erwartet, beide Methoden offenzulegen oder nachvollziehbar zu begründen, warum nur eine angewendet wird.

Ist marktbasiertes Scope 2 genauer?

Genauigkeit hängt von der jeweiligen Fragestellung ab.

Marktbasiertes Scope 2 ist nicht grundsätzlich genauer als standortbasiertes Scope 2. Jede Methode ist innerhalb ihres eigenen Bezugsrahmens korrekt:

  • marktbasiertes Scope 2 ist korrekt zur Abbildung von Beschaffungs- und Sourcing-Entscheidungen
  • standortbasiertes Scope 2 ist korrekt zur Abbildung netzbezogener Emissionen

Probleme entstehen in der Regel nicht durch die Wahl der Methode, sondern durch inkonsistente Anwendung, unklare Annahmen oder unzureichende Dokumentation.

Wo Organisationen in der Praxis häufig an Grenzen stoßen

Viele Organisationen haben Schwierigkeiten, Scope 2 Methoden über mehrere Jahre hinweg konsistent anzuwenden. Typische Herausforderungen sind:

  • fragmentierte Stromdaten über Standorte, Zähler und Lieferanten hinweg
  • wechselnde Emissionsfaktoren oder Zertifikatsabdeckungen von Jahr zu Jahr
  • manuelle Berechnungen, die die Vergleichbarkeit beeinträchtigen
  • unzureichende Dokumentation methodischer Entscheidungen

Diese Probleme werden oft erst sichtbar, wenn die Berichterstattung reifer wird und die Anforderungen steigen.

EMS als Grundlage für konsistente Scope 2 Berechnungen

Ein Energiemanagementsystem (EMS) schafft eine strukturierte Basis für den konsistenten und wiederholbaren Umgang mit Stromdaten. Durch die zentrale Erfassung und Validierung des Stromverbrauchs über alle Standorte hinweg entsteht ein stabiles Datenset, das jährlich wiederverwendet werden kann.

Wird darauf aufbauend eine Scope 2 Berechnungslogik angewendet – einschließlich der getrennten Behandlung marktbasierter und standortbasierter Emissionsfaktoren – lassen sich die Ergebnisse eindeutig auf zugrunde liegende Daten und Annahmen zurückführen. Dies unterstützt Transparenz, Dokumentation und Reproduzierbarkeit ohne zusätzlichen manuellen Aufwand.

Enity EMS folgt genau diesem Prinzip und kombiniert strukturierte Energiedaten mit klaren Scope 2 Übersichten im Einklang mit anerkannten Rahmenwerken der CO₂-Bilanzierung.

Warum die Wahl der Scope 2 Methode für die Qualität der CO₂-Bilanz entscheidend ist

Scope 2 Emissionen machen häufig einen wesentlichen Teil des gesamten CO₂-Fußabdrucks einer Organisation aus. Die Glaubwürdigkeit der ausgewiesenen Ergebnisse hängt daher nicht nur von der Genauigkeit der Daten ab, sondern auch davon, wie nachvollziehbar Berechnungen erklärt und Veränderungen über die Zeit begründet werden können.

Ein klarer und konsistenter Umgang mit Scope 2 unterstützt:

  • glaubwürdige externe Berichterstattung
  • fundierte interne Entscheidungsfindung
  • Prüfbarkeit und Vertrauen bei Stakeholdern

Schlussfolgerung

Marktbasiertes und standortbasiertes Scope 2 liefern zwei komplementäre Perspektiven auf strombezogene Emissionen. Auch wenn sie zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können, sind beide für eine transparente und glaubwürdige Berichterstattung unerlässlich.

Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, eine Methode auszuwählen, sondern in der konsistenten Anwendung, klaren Dokumentation und der Qualität der zugrunde liegenden Daten. Organisationen, die Scope 2 als fortlaufende Datendisziplin und nicht als einmalige Berechnung verstehen, sind besser auf steigende Berichtsanforderungen vorbereitet.

FAQ zu marktbasiertem und standortbasiertem Scope 2

Der Unterschied liegt darin, was die Methoden abbilden: marktbasiertes Scope 2 spiegelt Entscheidungen zur Strombeschaffung wider, während standortbasiertes Scope 2 die durchschnittliche Emissionsintensität des lokalen Stromnetzes abbildet.

Marktbasiertes Scope 2 wird anhand von Emissionsfaktoren berechnet, die mit Stromverträgen und Zertifikaten verknüpft sind, anstatt mit durchschnittlichen Netz-Emissionsfaktoren.

Standortbasierter Strom bezeichnet Stromverbrauch, der anhand regionaler durchschnittlicher Emissionsfaktoren bewertet wird und die Emissionsintensität des lokalen Stromsystems widerspiegelt.

Marktbasiertes Scope 2 wird berechnet, indem der Stromverbrauch mit lieferanten- oder zertifikatsbasierten Emissionsfaktoren verknüpft wird, die an vertragliche Instrumente gekoppelt sind.

Viele Unternehmen berechnen und berichten beide Methoden, um Transparenz, Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.

Nein. Marktbasiertes Scope 2 ist nicht genauer als standortbasiertes Scope 2. Jede Methode ist korrekt für den jeweiligen Betrachtungswinkel, den sie abbilden soll.

Relevante Links und Ressourcen zu markt-
und standortbasiertem Scope 2

Greenhouse Gas (GHG) Protocol
Scope-2-Leitfaden und Strombilanzierung

ISO 14064
Standards zur Treibhausgasbilanzierung

Enity
Mehr über Enity EMS (Energy Management System) erfahren

Enity
Mehr über Enity EMS CO₂-Bilanzierung erfahren

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